50 Cent "Curtis"

- 50 Cent "Curtis"
Interscope
Gewiss hat sich Mr. Jackson, besser bekannt als 50 Cent, einer der einflussreichsten und charismatischsten HipHop-Giganten im Geschäft, alle erdenklichen Fragen zu seiner Person bereits anhören müssen. Wie zum Beispiel schafft es ein Superstar dieses Formats, der allein mit seinen ersten beiden Alben (Get Rich Or Die Tryin’, dem Klassiker aus dem Jahr 2003, sowie dem Nachfolger, The Massacre, aus dem Jahr 2005) weltweit fast 25 Millionen Einheiten verkauft hat, im Zeitalter von Downloads und bei kontinuierlich dahinschwindenden Verkaufszahlen, noch einen draufzusetzen? Wie schafft er es, dessen ungeachtet immer größere Erfolge zu feiern?
Wird der einstige Drogendealer aus Southside Queens, New York, der in seinen Texten bevorzugt brutale und gewalttätige Bilder des Daseins auf der Straße entwirft, seine einzigartige Serie von drei aufeinander folgenden Nummer-Eins-Hits in den R&B/HipHop- und Pop-Charts („In Da Club“, „21 Questions“ und „Candy Shop“), drei Top-Drei-Singles („P.I.M.P.“, „Just A Lil’ Bit“ und „Disco Inferno“) bzw. bislang 11 Grammy-Nominierungen nunmehr fortsetzen können? Oder: Wie kann einer, der mit G-Unit Records eines der erfolgreichsten HipHop-Labels der jüngeren Vergangenheit leitet, der die angesagte G-Unit-Clothing-Sparte und eine Sneaker-Kollektion mit Reebok produziert, ein kleines Verlagsimperium besitzt, Bücher schreibt, mit Bulletproof ein Videospiel in die einschlägigen Charts katapultiert hat und insgesamt binnen kürzester Zeit über eine halbe Milliarde US-Dollar verdient hat – nun, wie kann so jemand seine bestehende Marktdominanz noch ausbauen?
Ganz einfach: Er wirft einen Blick in die Vergangenheit, begibt sich an den Punkt, an dem alles anfing – fünf Jahre zurück, als die Rollen in Hollywood und der gesamte Celebrity-Lifestyle noch in den Sternen standen. Einfach nur 50 Cent sein, so die nahe liegende Devise.
„Die Leute meinen, dass ich ein ungutes Gefühl haben sollte“, setzt 50 an, nach seinen Neidern gefragt. „Dabei habe ich schon so unglaublich viel erreicht, wenn man bedenkt, wo ich herkomme. Mein Lächeln kann mir daher keiner mehr nehmen. Wirklicher Druck bedeutet für mich: Dubiose Geschäfte in der Hood abziehen, nie genau wissen, ob die Bullen dir vielleicht auflauern, oder ob der Typ an der anderen Ecke bereit ist, seine Knarre auf dich zu richten, während du eigentlich nur deine Familie ernähren willst. Das ist wirklicher Druck. Und ich glaube, dass es letztendlich ganz normal ist, dass die Neider das erfolgreiche Team auf der Verliererstraße sehen wollen. Allerdings frage ich dich: Wenn die G-Unit untergeht, wer soll dann bitte ihren Platz einnehmen?!“
Doch natürlich lastet gerade jetzt, in tendenziell schlechten Zeiten fürs Geschäft, jede Menge Druck auf den Schultern von 50 Cent: Alle erwarten die nächste Platte, mit der er wiederum sämtliche Rekorde sprengt. Den dritten Teil des Blockbusters.
Doch mit Curtis, seinem dritten Album, kann der Superstar diese Erwartungen sogar noch übertreffen: Während der Über-MC zwar wiederum weitestgehend auf die Produktionen der Westküsten-Legende Dr. Dre setzt und selbstverständlich auch Kollege Eminem erneut seine Finger im Spiel hat, hat 50 Cent für die insgesamt 17 Tracks, aus denen Curtis besteht, erstmalig auch weit über den Tellerrand des G-Unit/Shady Records/Aftermath-Lagers geschaut – und mit diversen anderen Künstlern kollaboriert. „Früher mussten es für mich unbedingt die Produzenten aus dem eigenen Lager sein, Leute, die zum Team gehörten. Oder aber junge, bis dato unbekannte Produzenten, mit denen man einfach nur gut arbeiten konnte“, erläutert 50 die neue Herangehensweise. „Für dieses Album aber habe ich mich in einen Bereich vorgewagt, in dem ich einerseits mit allen möglichen Künstlern arbeiten und dennoch ein Album machen kann, bei dem ich sämtliche Fäden in der Hand habe.“
„Ich habe das Album Curtis genannt, weil ich der Platte unbedingt schon im Titel etwas durch und durch Menschliches geben wollte“, fügt 50 hinzu. „Was bedeuten soll, dass es hier um das gesamte Spektrum menschlicher Emotionen geht: Freude, Lachen, Schmerz, Wut, Aggression und natürlich auch Angst. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Leute ein völlig anderes Bild von mir haben werden, sobald sie das Album gehört haben.“
50 Cents fast schon unheimliches Hitmacher-Talent wird unter anderem bei „Amusement Park“ überdeutlich. Der von Chris Styles produzierte klangliche Anmachspruch rotiert in den Staaten bereits auf sämtlichen Frequenzen und Tanzflächen, und zwar auf Höchsttouren. Doch das ist schließlich erst der Anfang: 50 erhöht den Einsatz mit jedem einzelnen Track. Auf „Come And Go“, einer erbarmungslosen Nummer aus der Beatschmiede von Dr. Dre, präsentiert er sich als bedrohlicher Rohling, als ein Typ, „der gerade erst auf Bewährung raus ist“ und nun die Straße zurückerobern will – was von einem unaufhaltsamen Beat und lebensbedrohlichen Streicher-Elementen noch untermauert wird. Im Fall des futuristischen Keyboard-Bounce von „Ayo Technology“ hat sich 50 dann sogar mit Timbaland, seit Jahren einer der größten Produzenten überhaupt, und Justin Timberlake zusammengetan. Zu dritt kann sie keiner aufhalten.
Auf „Man Down“, einer explosiven und knallharten Nummer, von Don Cannon aus Atlanta produziert, erklärt ein erfolgshungriger 50, dass er in jedem Fall bereit ist, alle Straßenecken einzunehmen – ganz egal, ob man darunter nun greifbare Architektur in der Hood oder Positionen in den Albumcharts versteht. „Follow My Lead“, aus der Feder von J-Hen, hingegen ist ein absolutes Groove-Schwergewicht, das mit einer pumpenden Basslinie und einer deftigen Prise Soul-Piano besticht, während derjenige, der seiner Freundin einst „21 Questions“ stellte, nunmehr die brutale Wahrheit über mögliche Tücken in einer Beziehung artikuliert. Abschließend stehen auf der illustren Gästeliste auch Mary J. Blige, Robin Thicke, Akon, Nicole Scherzinger (von den Pussy Cat Dolls) sowie die G-Unit-Buddies Young Buck und Tony Yayo.
„Timbaland, Mary, Justin... sie alle sind Wahnsinnskünstler! Absolute Superstars“, erklärt 50 sichtlich erfreut und berichtet von den hochkarätigen Albumgästen, die den einen oder anderen Fan mit Sicherheit überraschen werden. „Allerdings möchte ich folgendes klarstellen: Abgesehen von Eminem und Dre hat niemand an Curtis mitgewirkt, der so viele Alben verkauft hat wie ich. Ich glaube, dass es momentan unmöglich ist, mich in den Schatten zu stellen – da genügt schon das Image, das die Medien von mir entworfen haben. Ich werde andauernd als ein Typ dargestellt, der noch viel finsterer ist als jemand, der tatsächlich im Knast sitzt. Mein Ruf ist viel größer, als ich es jemals sein kann.“
Gewachsen ist 50 jedoch insbesondere im Hinblick auf sein Können am Mic, was gerade auf „Curtis“, dem Titelstück des Albums, besonders deutlich wird: Über einem unwahrscheinlich düsteren Beat von Havoc (sonst Teil der legendären Mobb Deep, ebenfalls bei G-Unit unter Vertrag), nimmt ein junger und verwirrter 50 seine Zuhörer auf eine Reise in die Achtziger, als Crack das Straßenbild genauso dominierte wie Pumas und Kangols. Die Welt, die er entwirft, ist durch und durch gnadenlos, ein gewalttätiges Umfeld, in dem ein Kind früher oder später seine Unschuld verlieren muss, wenn es auf Drogendealer oder rücksichtslose Mörder trifft. Es ist ein Ort, an dem es keine Patentlösungen oder Märchenenden gibt. Und die sollen bei 50 Cent auch ganz bewusst nicht auftauchen.
„Mit `Curtis´ setze ich genau dort an, wo ich mit Songs wie `Many Men´ und `Hate It Or Love It´ aufgehört habe. Der Ansatz ist vergleichbar, nur gehe ich dieses Mal wirklich bis ans Limit“, sagt 50 Cent über den introspektiven Track, in dem er sich seinen Zuhörern als sehr viel reiferer MC präsentiert. „Rapper machen sich kontinuierlich zu Superhelden, was auch bedeutet, dass sie keine Fehler, keine Schwächen eingestehen. Aber diese Angst und die Verwirrung, die bei dem Song mitschwingt, die sollen zeigen, wie sich Curtis Jackson als Kind gefühlt hat. Wie ich mich gefühlt habe. Ich kann mich noch genau an ein Gespräch mit meiner Großmutter erinnern. Ich sagte: `Ich glaube, ich werde das nächste Album ein wenig anders angehen... es soll positiver werden.´ Und sie sagte, dass die Idee zwar generell ganz gut wäre, dass sie aber auch ihre Zweifel hätte, ob jemand das hören wolle, schließlich würden die Leute normalerweise den Kampf ums Überleben mit mir assoziieren. Das ist es, was die Leute von 50 Cent hören wollen... sie wollen die wahre Geschichte, den `Real Shit´.“
Keiner wird bestreiten, dass 50 Cent mit ganzem Herzen bei der Sache ist: Wenn er Musik macht, dann ohne Wenn und Aber. Während der Studiozeit, in der auch weite Teile des Curtis-Albums entstanden, nahm die Rap-Ikone stolze 60 Songs in nur drei Monaten auf, wobei er u.a. auch mit Produzentengrößen wie Kanye West, will.i.am, Pharrell und Polow Da Don arbeitete. Viele dieser Aufnahmen werden voraussichtlich auf dem Nachfolger zu Curtis erschienen, Before I Self Destruct, ein Album, das eigentlich schon jetzt erscheinen sollte – also vor Curtis. Allerdings wurde 50 schon frühzeitig klar, dass er zunächst seine persönliche Seite zeigen wollte.
„Für dieses Album habe ich mich komplett abgeschottet und mein ganzes Leben auf Kreativmodus umgestellt“, berichtet 50 Cent über die Arbeit am kommenden Curtis-Album. „Alle anderen Dinge, Geschäftliches, hab ich zur Seite geschoben. Ich wollte mich den Leuten erneut vorstellen, wollte einfach nur sagen: `Mein Name ist Curtis Jackson III.´ Denn mein Großvater ist Curtis Sr., sein erstes Kind heißt Curtis Jr., und ich bin sein erstes Enkelkind. Einfacher und zugleich eindeutiger kann man sich nicht vorstellen.“
Vielleicht wird die HipHop-Welt eines Tages zurückblicken und in Curtis einen entscheidenden Moment in der Karriere von 50 Cent ausmachen. Mit Sicherheit werden sie dann den überaus hungrigen Jungspund hören, der schon mit seinem Debütalbum, Get Rich Or Die Tryin’, einen Meilenstein in die Landschaft gerammt hat. Sie werden die explosive und bisweilen gefährliche Seite raushören, die 50 im Handumdrehen zu einer der kontroversesten Figuren im Rap-Biz gemacht hat; zu einem Mann, der den Erfolgsserien seiner Gegner nur allzu gerne ein jähes Ende gesetzt hat, der gleichermaßen die Bereiche des HipHop und des Pop auf ganzer Linie dominiert hat. Auch werden sie den ambitionierten Künstler sehen, der es seinen Kritikern mit seinem zweiten Album so richtig zeigen wollte, warum er The Massacre, so der Titel, letztlich mit 22 Tracks auch etwas überladen hat, wie er heute selbst zugibt.
Derzeit ist eine siebenmonatige Welttournee zur Veröffentlichung von Curtis in Planung, wie auch weitere Filmrollen – und natürlich weitere Hits aus dem umtriebigen G-Unit-Camp. Doch hat 50 Cent, wie so oft, letzten Endes eine ganz eigene Idee davon, wie er von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen werden will: als Überlebender.
„Meine Verwirrtheit über die Frage, warum gerade ich es überlebt habe, aus nächster Distanz angeschossen zu werden, hat dazu geführt, dass ich inzwischen daran glaube, dass ich nicht grundlos auf der Welt bin. Gott hat mich nicht ohne Grund weiterleben lassen“, bekundet 50 abschließend. „Ich habe das Gefühl, dass mir alle Türen offen stehen. Ich habe Millionen verdient, und ich befinde mich heute in der bestmöglichen Position. Ich mache meine Musik nicht, weil ich es nötig habe, sondern weil ich es liebe, neue Songs zu kreieren. Und genau dieses Gefühl will ich auch mit Curtis transportieren – die Leute sollen daran teilhaben.“
Tracks
1. Intro
2. My Gun Go Off
3. Man Down [Censored]
4. I'll Still Kill
5. I Get Money
6. Come & Go
7. Ayo Technology
8. Follow My Lead
9. Movin on Up
10. Straight to the Bank
11. Amusement Park
12. Fully Loaded Clip
13. Peep Show
14. Fire
15. All of Me
16. Curtis 187
17. Touch the Sky
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Meinung
HipHop scheint ohne Konkurrenzkampf nicht auszukommen: Jetzt ist es 50 Cent alias Curtis Jackson, der ausgezogen ist, um gegen Kanye West anzutreten, und zwar nicht nur in einem Battle auf der Bühne, sondern in punkto Verkaufszahlen seines neuen Albums Curtis, das parallel zu Wests Graduation erscheint. Sollte er den Kürzeren ziehen, wolle er mit dem Rappen aufhören, verkündete er. Lachender Dritter im Bunde ist Timbaland, der das Kunststück fertig gebracht hat, seine Fähigkeiten in den Dienst gleich beider Kontrahenten und ihrer neuen Alben zu stellen.
50 Cent hat sein Gesicht auf dem Cover seines neuen Albums Curtis in sorgenvolle Falten gelegt. Auf einem anderen Foto gar verspeist er mit Messer und Gabel einen Schokoladenrevolver mit ungemütlicher Miene. Vermutlich besitzt er dafür auch allen Grund, denn sein altbewährtes Image des Ex-Drogendealers und Gangstarappers allein genügt nicht mehr, um Musik zu verkaufen. Das haben Andere schon viel eher erkannt, nicht zuletzt der innovativere Kanye West. Während dieser schon mal musikalische Schnipsel der Kölner Band Can zu HipHop verarbeitet, wählt sich 50 Cent für sein Intro einen Dialog zweier Ghetto-Boys aus dem Film “Shooters“ als Leitmotiv. Klingt, als habe 50 Cent es wieder mal nötig, zu betonen, was für ein harter Hund er sei. Auch wenn er in Interviews Sätze von sich gibt wie „...abgesehen von Eminem und Dr. Dre hat niemand an Curtis mitgewirkt, der so viele Alben verkauft hat wie ich.“ Das wollen wir gerne glauben, und nicht nur das. Im Inneren des Booklet bemüht sich 50 Cent uns auf anschaulichen Farbbildern zu vermitteln, wie es ihm gelingt Frauen glücklich zu machen, wobei er für die jeweiligen Positionen sogar die Armbanduhren wechselt. Derartige Detailverliebtheit hätte man sich auch für die 17 Songs seines neuen Albums gewünscht. Dabei hat 50 Cent wirklich alles aufgeboten was Rang und Namen hat, um Curtis zu pimpen, angefangen von Mary J. Blige über Robin Thicke und Akon, bis hin zu Justin Timberlake. Letzterer hat dem Song “Ayo Technology“ in den prüden U.S.-Medien gleich den Untertitel „Pornoduett“ einbrockt: “She wants it, -ah-, she wants it, -uuh“ lautet der Anstoß erregende Refrain. Wie schade nur, dass es auf dieser CD nicht mehr vom Kaliber eines Songs wie “Peep Show“ gibt, der unter Mitwirkung von Eminem unter Beweis stellt, welche Power HipHop entwickeln kann, wenn man konsequent auf jegliche Kinkerlitzchen verzichtet! Ebenfalls sehr bemerkenswert ist das Stück “Follow My Lead“ mit Robin Thicke, das mit einem verblüffend intimen Einstieg aufwartet und im Verlauf ein charmantes Soul-Jazz-Feeling entwickelt. Gerade deshalb ist das Bedauern umso größer, dass es 50 Cent mit Curtis zwar offensichtlich darum ging, bestehende musikalische Gebietsansprüche zu verteidigen, aber keine neuen abzustecken. Dass sein Expansionswille stattdessen eher seinen eigenen Firmen für Szenekleidung und Diätprodukten gilt, lässt sich leider auch in seiner Musik nicht mehr gänzlich überhören. Ob er seine Wette gegen Kanye West trotzdem gewinnt, darüber werden die Fans entscheiden. Andreas Schultz (amazon.de)

