Ercandize "Verbrannte Erde"

- Ercandize "Verbrannte Erde"
Optik
Ercandize will’s wissen. Wer sein Album „Verbrannte Erde“ nennt, sollte schließlich auch besser nichts als selbige hinterlassen. „Ich denke, es ist ein Deutschrap-Klassiker geworden“, so der Bochumer selbstbewusst. „Ich habe nicht eine einzige Line auf dem Album, hinter der ich nicht hundertprozentig stehen kann.“ Erc steht an einem Scheideweg seiner Karriere. Nach ersten wichtigen Schritten mit der legendären Pott-Crew ABS unterschrieb er 2003 einen Vertrag bei Optik Records, dem Label des Berliner „King Of Rap“ Kool Savas.
Seine dortigen Veröffentlichungen etablierten ihn bislang sowohl als wortgewaltigen Spucker, der sein Gegenüber in Grund und Boden rappen kann, als auch als wortgewandten Poeten, der dem Hörer einen tiefen Einblick in seine Persönlichkeit erlaubt. Nichts als „Verbrannte Erde“ wird Ercandize in einem Rap-Deutschland hinterlassen, in dem erdachte Images über Skills und Wahrhaftigkeit stehen.
Ercandize passt nicht in dieses erwähnte Rap-Deutschland: Der Bochumer ist kein Phrasendrescher mit am Reißbrett entworfener Ghetto-Biografie. Ercan Kocer wächst als Kind von Migranten in Wesel im Ruhrgebiet auf, gerät jedoch niemals wirklich auf die schiefe Bahn. Und das, obwohl seine Familie sich mit denselben Schwierigkeiten konfrontiert sieht wie die der meisten anderen türkischstämmigen Familien: „Meine Eltern hatten die Probleme, die viele ausländische Familien in Deutschland haben. Die sogenannte Integrationspolitik ist meilenweit an uns vorbei gerauscht. Meine Grundschullehrerin wollte mich auch auf die Hauptschule schicken, „weil dort ja die ganzen anderen Türken sind, und man es wohl besser unter sich hätte“.
“ Trotz dieser Widrigkeiten und mit Unterstützung seiner Schwestern besucht Ercandize das Gymnasium, schafft sein Abitur, schreibt sich anschließend an der Universität für Ökonomie ein und legt schließlich sogar ein erstklassiges Diplom ab. „Ich habe es immer zu schätzen gewusst, was man in diesem Land auch ohne großartige finanzielle Mittel erreichen kann“, erklärt er nüchtern. „Ich habe noch nie ein Ziel aufgegeben, und solange ich atme, werde ich’s auch nicht tun.“
Auch sein musikalischer Weg war streckenweise steinig, dennoch hat er sich stets durchgebissen. Ercandize erinnert sich gerne an die Zeit mit seiner ersten Crew ABS zurück, vielleicht weil seine Rapkarriere ohne große Probleme begann. Für die Jungs aus dem Pott lief alles anfangs sehr zwanglos und locker, schnell machten sie durch Featurebeiträge und eigene Releases auf sich aufmerksam.
Sie unterschrieben bei einem Majorlabel, ihr Video wurde bei den Musiksendern hoch und runter gespielt, und ohne großartige Promotion wurde ihr Album „Kinderspiel“ zu einem Charterfolg. Ihre eigene Tour lief extrem erfolgreich und der Track „Weißt zu“ mit Creutzfeld & Jakob, Dike und OnAnOn avancierte zur Nationalhymne des Ruhrgebiets. Kalkuliert war das nicht. „Ich wollte einfach einen Ruhrpott-Track auf dem Album haben, das war der erste Gedanke, und dafür holte ich alle, die mir wichtig waren ins Boot. Mit der Hook von Dike wurde es dann zu einem Ohrwurm, aber ich hätte trotzdem nicht gedacht, dass es eine solche Potthymne wird.“
Noch heute wird „Weißt du“ in Pott und Umgebung auf Partys gespielt, wohlgemerkt sieben Jahre nach den Aufnahmen. Als beim Videodreh unzählige Leute aus dem Umfeld Der Jungs anwesend waren, machten sich die ersten Gedanken breit, dass das vielleicht der nächste Schritt sein könnte. Doch mit dem Ende des ersten HipHop-Booms wurden auch die Major-Labels nervöser und zogen sich aus dem Rapbusiness immer mehr zurück. ABS bekamen das am eigenen Leib zu spüren. Sie wurden vom Label vernachlässigt und merkten immer mehr, dass man auf der geschäftlichen Seite nicht mehr auf einen Trichter kam.
Plötzlich wurde auf die Kompetenz der Labelmitarbeiter mehr vertraut als auf die der Künstler, obwohl die Bediensteten mit der HipHop-Kultur nicht das Geringste zu tun hatten. Immer mehr wurde den Jungs klar, dass diese Bevormundung einfach nicht ihr Weg war. Sie blieben ihren Prinzipien treu bleiben und enttäuschten ihre Fans nicht, denn schon damals war es eines ihrer Hauptanliegen, sich in ihrer Ehrlichkeit und Authentizität nicht einschränken zu lassen. Auf der geschäftlichen Seite bedeutete das ihren Untergang. Mit einem Anwalt kämpften sie sich aus dem von ihm als unvorteilhaften Vertrag frei. Doch mit diesem Ende wurde auch das Projekt AntiBlockierSystems auf Eis gelegt. Der DJ verließ die Crew, Short zog nach Köln und distanzierte sich immer mehr von der Musik.
Obwohl, ähnlich wie heute, die Aufmerksamkeit und alle Augen damals auf den Pott gerichtet waren und es eigentlich schon gute Strukturen gab, aus denen man etwas hätte aufbauen können, sollte es in den kommenden Jahren sehr ruhig um Rap aus dem Ruhrgebiet werden. Künstler zogen sich zurück, Veröffentlichungen wurden seltener, der Musikbranche ging es allgemein immer schlechter. Zu große Egos, Habgier und Neid gegenüber den Jüngeren würde Erc heute als Faktoren nennen, als dann Ende 2001 der große Einbruch der deutschen HipHop-Szene kam und man auch aus dem Pott überhaupt nichts mehr hörte. Als Künstler jahrelang auf ihre Alben warten ließen, enttäuschte ihn das extrem. „Das war undankbar den Leuten im Pott und ihren gesamten Fans gegenüber.“ Er selbst und sein noch heutiger Wegbegleiter Discopolo hörten dennoch nie auf das zu tun, was sie so sehr liebten. Sie nutzen die Zeit wie viele andere aktuelle talentierte Pott-Künstler als Aufwärmphase. Durchgehend arbeiteten sie gemeinsam an weiteren Tracks, nahmen ein Demo auf und formten ihre musikalische Zukunft.
Als Berlin einen neuen Rap-Hype loslöst, sieht Erc das mit Wohlwollen und fühlt sich, wie viele andere, durch den Erfolg gewisser Berliner Rapper motiviert. Dazu gehört vor allem Kool Savas, der zu dieser Zeit in der Hauptstadt seine ersten Erfolge feiert. Zu recht stellte er sich die Frage, warum es der Pott nicht auch schaffen würde, wo doch so viel Potenzial in ihm steckt. Schließlich hatten alle die gleichen Voraussetzungen. „Keiner ist von Gott persönlich gesegnet und jeder kann durch harte und viel Arbeit überzeugen, wenn er nur will und die Kraft dazu hat.“
Er hatte die Kraft. Kool Savas lud ihn nach Berlin ein, um neue Sachen vorzuspielen, nachdem er sein Demo längere Zeit vorher gehört hatte. Kurze Zeit danach wurde offiziell bestätigt, dass sein Label Optik Records ein neues Signing bekannt zu geben hätte: Ercandize. Für den Wahlbochumer bedeutete das, dass er endlich den überfälligen Schnitt mit ABS machen konnte. Er wollte sich an seinen ABS Sachen weder hochziehen noch sich auf dem Namen ausruhen. Für ihn begann eine neue Zeit, ein Neuanfang als Solokünstler.
Ganz aufgeben wollte er das Stück ABS in sich aber nicht, und genau so wenig die Prinzipien und Prioritäten, die die Crew in jungen Jahren bereits verkörperte. Tatsächlich nehmen ihn seine jüngeren Hörer, die ihn heute nur als Ercandize kennen, ähnlich wahr, wie die damaligen Fans auch ABS wahrnahmen: Ehrlich, persönlich und aussagestark. Schließlich hat sich an seiner Grundintention Musik zu machen nichts verändert – „Battletracks oder deepe Sachen hatte ich auch schon früher, ich habe mich einfach nur musikalisch weiterentwickelt.“
Mit seiner Optik-Day-EP „Willkommen im Dschungel" sollte er 2004 einen weiteren wichtigen Schritt gehen. Nach langer Zeit präsentierte endlich wieder ein Künstler den Ruhrpott und bekam zusätzlich die Aufmerksamkeit, die er verdiente. Ercan gab den Startschuss für einen neuen, motivierteren Pott. Dennoch würde er nicht davon sprechen, dass er die letzten zwei Jahre, die neben ihm wesentlich auch von dem ersten Release von Snaga und Pillath als auch von einer Menge Mixtape-Tracks und unzähligen Features, die in dieser Zeit bei Ercan und Discopolo im Bochumer Dachgeschoss-Studio entstanden geprägt und in denen das Ruhrgebiet auf die Rap-Landkarte zurückgeholt wurde, irgendwie nachhaltig beeinflusst hätte. „Wir haben den Leuten nur gesagt: ‚Ihr müsst nicht aus Berlin kommen, genau wie ihr früher nicht aus Hamburg oder Stuttgart kommen musstet, um an den Start zu gehen. Es reicht ein Mic und ein Vorverstärker, also geht ins Studio und macht Songs.’“
Doch genau so stand auch der heute er vor einer neuen großen Aufgabe. Als Soloartist konnte er ja bis dato noch keine echte Erfahrung verbuchen und musste daher erst lernen, mit der neuen Verantwortung umzugehen. Anfangs war es ungewohnt für Ercan, mehr als einen Track am Tag zu schreiben – seine beginnende „Ausbildungszeit“ war für ihn ein „hartes Trainingscamp und eine fortbildende Maßnahme“, wie er heute rückblickend analysiert. Kool Savas unterstützte ihn in dieser Zeit sehr und ließ ihn einfach erst einmal machen. Erc nahm viele Features auf, schrieb bis ins Unermessliche, schulte sein Wissen und seine Arbeitsroutine. Drei Jahre, die er sehr zu schätzen weiß und die er als ständiger Wegbegleiter von Savas, sei es im Studio oder auf der Bühne, verbrachte. „Durch Optik bin ich zum Profi geworden.“
Nach seinem gemeinsamen Projekt mit DJ Katch namens „Ear To The Street“, auf dem Newcomern und generell deutschsprachigen Rappern die Chance gegeben wurde sich zu präsentieren, erschien im letzten Jahr sein Mixtape „La Haine – Sie nannten ihn Mücke“. Auch hier konnte er wider komplett von sich überzeugen. Die Medien feierten das Ergebnis und waren begeistert. Worte wie „Albumcharakter, „Ehrlichkeit“, „viel Potenzial und Talent“, „sehr gute Umsetzung“ waren Beschreibungen, die bei Hörern und Journalisten häufig benutzt wurden. Nun waren die Augen und Ohren endgültig auf ihn und sein angekündigtes Soloalbum „Verbrannte Erde“ gerichtet.
Mit dem Werk beweist Ercandize einmal mehr, dass er kompromisslos sein Ding durchzieht. Er ist seinen Weg bis hierhin gegangen, ohne sein Ziel je aus den Augen zu verlieren und ohne auch nur einen Bruchteil seiner Authentizität und seiner Energie aufzugeben. Gemeinsam mit einer Handvoll weiterer Künstler brachte auch er den Pott wieder ins Gespräch und beschert der Welt nun sein fabelhaftes Debütalbum. Seine Erfahrung wird er in Zukunft auch als eigener Labelboss mit seinem neugegründeten Label Assazeen umsetzen und darauf seine Homies Lakmann One (Creutzfeld und Jakob) und Brenna und Desasta der Öffentlichkeit präsentieren.
„Genau wie bei Optik ist es so, dass ich von meinen Jungs genau so viel lerne wie sie von mir. Das soll keine diktatorischen Strukturen haben. Wie es kommt, so kommt es dann auch. Ich möchte offen sein gegenüber den Leuten die ihre Musik in erster Linie für sich selbst machen und bei denen die Musik so tief aus ihrem Herzen kommt. So wie Savas es auch ist.“
Und genau diese Offenheit ist auch das Geheimnis von Ercandize. Er entwickelte sich vom Optik-Rekruten zum Offizier, kämpfte um seine Rap-Karriere, um schließlich zu gewinnen. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, an dem er sich mit seinem Debüt erneut beweisen wird, so wie er es mit ABS, aber auch seinen anderen Veröffentlichen, wie dem Optik Takeover Album, bereits getan hat. Größten Wert legte Ercan darauf, dass sein Album zeitlos wird. Dabei verließ er sich auf die Produzenten Discopolo, der für den Großteil der Beats verantwortlich ist, sowie DJ Jones, Melbeatz, Link&Hawk, Rooq sowie Christyle, Riff, Bugi und letztlich auch sich selbst und schaffte damit eine Stimmung und Geschlossenheit des Albums, die nur echte Klassiker aufweisen.
Auch bei den Features, die ausschließlich aus seinem Umfeld stammen, bestand er auf Professionalität und Qualität: Laki (Creutzfeld & Jakob), seine Labelkollegen Amar und Caput und Moe Mitchell, die Sänger Bashar und Amaris, Hossam (Pottpoeten), Brenna und Desasta, die Oldschool-Legenden Too Strong, die Super-Spitter Snaga und Pillath und Labelboss Kool Savas. „Ich wollte keinen drauf haben, der einen Standard-Rap hinlegt, nur um einen Namen drauf zu haben, damit sich das Album besser verkauft.“
Und so ist das Album zu einem stimmigen, kohärenten Trackzyklus geworden, der die Bezeichnung „Album“ im Gegensatz zu all den halbgaren Mixtapes, Streetalben und sonstigen wilden Eintopfveranstaltungen der deutschen HipHop-Szene wirklich einmal verdient. Das ist der echte „King Shit“, das ist „Gutter Musik“. Eins ist sicher: Diesmal bleibt nur noch „Verbrannte Erde“.
Und sonst nichts.
Tracks
01. Herz eines Löwen
02. Alles
03. Wer ich bin (feat. Kool Savas & Moe Mitchell)
04. Überall (W.E.L.T.)
05. Always on my mind
06. Meine Sneakers
07. Gutter Muzik
08. Can Azerbaycan (Skit)
09. Bei euch (feat. Caput & Amar)
10. Cho CHo (feat. Zyankali)
11. Keine Liebe
12. Du musst
13. 16 Bars (feat. Snaga & Pillath)
14. Para (Skit)
15. Kein Grund
16. TNT Pt. 2 (feat. Kool Savas)
17. Verbrannte Erde (Skit)
18. Verbrannte Erde (feat. Bashar)
19. Winterblume (feat. Bashar)
20. Anderer Wind (feat. Brenna & Desasta, Too Strong & Laki)
21. Real Hip Hop
22. King Shit (Outro)
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