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Henri Salvador "Révérence"

Henri Salvador "Révérence" - V2 / Rough Trade

“Ich träume schon so lange davon und nun endlich ist es wahr geworden“, jubelt Henri Salvador. „Brasilien ist mir sehr wichtig. Und, was viel bedeutender ist, die brasilianische Musik ist die beste auf der Welt. Das sage ich nicht nur als schmeichelndes Kompliment. Es ist schlicht die Wahrheit.“ Mit 88 hat man noch Träume, zumindest wenn man ein ebenso legendärer und rastloser Künstler wie Henri Salvador ist.

Er ist der gutgelaunte Grand Seigneur der französischen Popmusik, hat mit Django Reinhardt Jazz gespielt, mit Boris Vian den Rock’n’Roll nach Frankreich gebracht, als Zorro einen beliebten Musikclown gespielt, dazu Jungstars des Le Pop, wie etwa Keren Ann, Art Mengo oder Benjamin Biolay, entscheidende Initialhilfe gegeben und einige hundert der schönsten Chansons zwischen 1947 und 2006 geschrieben. Doch, wie gesagt, einen Traum hatte er noch: Der Mann, der am 18. Juli 1917 in Französisch-Guayana zur Welt kam, und spätestens seit seinem Album „Chambre Avec Vue“ (2000) wieder ein Weltstar ist, wollte unbedingt mal ein Album in Brasilien aufnehmen.

Das kommt nicht von ungefähr. Salvador hat vier wunderbare Jahre in den 40ern in Rio verbracht und außerdem sagt man seinem Chanson „Dans mon île“ nach, er habe Antonio Carlos Jobim einen der entscheidenden Denkanstöße zur Erschaffung der „Bossa Nova“ gegeben. Mit seinem neuen Album „Révérence” verneigt sich der Altmeister jetzt vor Brasilien. Im Gegenzug wirkt die Liste der an den Sessions in Rio, New York und Paris beteiligten Musiker wie ein kollektiver Kniefall vor Henri Salvador. In Brasilien waren der Kultusminister und Tropicalismo-Held Gilberto Gil (der Henri kurz zuvor den Ehrenorden des Landes an die Brust geheftet hatte) und der sagenhafte Caetano Veloso mit ihm im Studio.

Dazu der grandiose Keyboarder João Donato (der so gut wie nie auf Alben spielt, die nicht unter seinem Namen erscheinen!) und die Jobim- Wegbegleiter Paulo Braga, Schlagzeug, und Jacques Morelenbaum, der die Rio-Aufnahmen produzierte. In New York versammelte der Perkussionist Mino Cinelu, dessen Arbeitgeber etwa Miles Davis, Stevie Wonder, Sting oder Carlos Santana hießen, die Studioelite Manhattans, um „Alleluia“, Henris Version von Ray Charles „Hallelujah! I Just Love Her So“, angemessen zu musizieren. In Paris schließlich gab Michel Coeuriot, der u.a. die letzten Alben der französischen Stars Laurent Voulzy und Alain Souchon produziert hat, vier Glanznummern dieses Album einen sensationell „Salvadorischen Swing“.

Was für ein Album ist dabei entstanden! „Révérence“ strotz vor Lebenskraft und Lebensfreude. Es klingt so leicht und doch so tiefgründig. Die Melodien, gesungen von dieser herrlich süß-rauen Stimme, schmeicheln sich weit hinein in das aurale Glückszentrum. Ein echter Glücksfall: Das Konzept, schon fast zu schön, um wahr zu sein, geht nicht nur auf, es wird umgesetzt in die schönste Musik dieses ausklingenden Jahrhundertsommers. Dass die Songs dieses Albums, bis auf zwei bemerkenswerte Ausnahmen, immer aus der musikalischen Feder von Henry Salvador stammen, versteht sich fast von selbst.

Es sind ebenso lieb gewonnene Hits des Meisters, wie etwa die Single „Dans mon île“, mit der Salvador schon 1957 über den Umweg einer Filmmusik für „Europa di Notte“ Jobim inspirierte, oder „Cherche la Rose“, einst ein Hit für Marlene Dietrich (den ihr übrigens ein blutjunger Burt Bacharach produzierte), den Henri hier und jetzt im Duett mit dem brasilianischen Superstar Caetano Veloso interpretiert. Dazu kommen zahlreiche Neuschöpfungen des inzwischen 89-jährigen, der „jeden Tag etwas komponiert, als Übung“. Mit der Texterin Gisele Molard entstanden so „La Vie C’est La Vie“, der herrliche Opener des Albums, die sanfte Bossa-Ballade „D’Abord“ und das wunderbare „Les Dernieres Hirondelles“ (Die Letzten Schwalben), eine zeitlose Ode an die Vergänglichkeit. Auf der mit sanften Streichern betörenden Ballade „Mourir a Honfleur“, deren Text von Daniel Schmitt stammt, zollt Henri nicht nur „My Funny Valentine“, sondern auch Autoren von Boris Vian bis Francoise Sagan Tribut. Nagelneu ist auch der Big Band-Bolide „L’Amour Se Trouve Au Coin De La Rue“, zu dem sein Freund Eddy Mitchell, einer der großen, alten Rockstars der Grande Nation, den Text lieferte.

Ein Song stammt natürlich von Antonio Carlos Jobim, allerdings in der französischen Übertragung von George Moustaki als „Tu Sais Je Vais T´Aimer“, das Henri Salvador auch im Duett mit Gilberto Gil singt. Am besten aber liest man nicht über diese Songs, sondern hört sich dieses neue Album von Henri Salvador an. Einmal reicht schon. Wer dem Zauber dieser jugendlichen Altersweisen nicht umgehend erliegt, benötigt dringend Seelenhilfe. Es besteht kein Zweifel: „Révérence” ist zum Niederknien.


Tracks

1. La Vie C'est La Vie
2. Mourir A Honfleur
3. Dans Mon Ile
4. Cherche La Rose (Duett mit Caetano Veloso)
5. L'amour Se Trouve Au Coin De La Rue
6. Tu Sais Je Vais T'aimer
7. J'aurais Aime
8. Italie (Un Tableau De Maitre)
9. D'abord
10. Les Amours Qu'on Delaisse
11. Alleluia, Je L'ai Dans La Peau
12. Les Dernieres Hirondelles
13. Tu Sais Je Vais T'aimer (Duett mit Gilberto Gil)


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