Maria Bethânia "Brasileirinho"

- Maria Bethânia "Brasileirinho" - Zyx
Zierlich an Gestalt mag sie sein; als Künstlerin zählt Maria Bethânia zu den absoluten Schwergewichten ihrer Heimat Brasilien. Dort ist die Sängerin eine lkone, seit sie gegen Ende der 60er Jahre im Rahmen der tropicalia-Bewegung erstmals öffentliche Anerkennung fand. Als eine der führenden Figuren unter den tropicalistas (zu denen übrigens auch Maria's Bruder Caetano Veloso zählt) zeigte sie sich zu Beginn ihrer Karriere zwar dem eher fortschrittlichen bis experimentellen Umgang mit ihrem musikalischen Erbe zugeneigt; doch in gewisser Weise bewahrte sie sich stets auch Aspekte der Vergangenheit, orientierte sich an großen Chanteusen wie z.B. Edith Piaf, Billie Holliday oder der Königin des Fado, Amalia Rodrigues, was mehr und mehr in den Vordergrund ihrer künstlerischen Orientierung rücken sollte.
Mitte der 70er Jahre hatte sie sich bereits einen Platz als eigenständige Diva erspielt, und ihr Weg führte weiterhin steil nach oben. Im Laufe Ihrer Karriere hat Maria Bethânia auf so ziemlich jedem der sog. „Major Labels“ veröffentlicht; ihre Alben erschienen (in no particular order bei Philips, EMI, Odeon, Verve, Globo, Polydor, Polygram, RCA, BMG, Philips, Universal, und anderen. Unnötig darauf hinzuweisen, dass ihre Diskographie sich entsprechend umfangreich und eindrucksvoll zeigt.Unlängst gründete die Grande Dame der Música Popular Brasileira (MPB) nun ihr eigenes kleines Label mit dem - gerade vor ihrem überlebensgroßen persönlichen Hintergund - anrührend diminuitiven Namen "Quitanda", was sich frei etwa mit "Gemüseladen" übersetzen lässt. Dieser Gemüseladen fungiert nicht nur als Repertoireschmiede musikalischer Natur, sondern wirkt auch als Agentur in den Bereichen Theater und Literatur, wobei letzterer wiederum ausdrücklich Prosa und Posie umfasst.
Die erste CD-Veröffentlichung auf Quitanda (in Deutschland auf Net FX im Vertrieb bei ZYX), "Brasileirinho", stellt nicht nur ein wunderbares Album dar, sondern auch so etwas wie eine Absichtserklärung oder ein mission statement. Ganz ähnlich wie "Brasileirinho" das nämlich tut, sollen folgende Produktionen nach Bethânias Gusto Musik und gesprochenes Wort zu einem Erlebniskontext zusammenfügen. Das dies eine feine -Sache sein kann, zeigt das vorliegende Album aufs angenehmste.
Schon der erste Track vereint eine ganze Fülle verschiedenster Einflüsse brasilianischen Kulturgutes: Bethânia interpretiert hier, mit Unterstützung der populären Truppe Uakti aus Minas Gerais, einen Song der Baianos Gerônimo & lldásio Tavares mit dem Titel "Salve as Folhas" ('Rettet die Blätter') und verbindet diesen mit dem Gedicht "0 Descobrimento" ('Die Entdeckung') - ursprünglich verfasst vom aus Sao Paolo stammenden Dichter Mario Andrade (1895-1945), rezitiert von seinem nachgeborenen Kollegen Ferreira Gullar aus Maranhao. Fast möchte man das Nationalgericht, die Fejoáda, als Vergleich bemühen, denn ganz ähnlich wie bei diesem charakteristischen Eintopf vermengen sich hier allerhand Köstlichkeiten zu einem noch köstlicheren Ganzen. Und so geht es weiter. Nicht nur verschiedene Gattungen künstlerischen Ausdrucks und regionale Ausprägungen bzw. Exponenten; auch Vergangenheit und Gegenwart berühren sich auf "Brasileirinho".
So bezieht sich beispielsweise der grandios verlangsamte Samba "Yayá Massemba“ [2] auf die stark vom Sklavenhandel definierte Geschichte des Landes, ebenso "Capitao do Mato" (Sklavenjägerl [3], "Cabocla Jurema" ('das Halbblut Jurema') und "Ponto de Janaina" [4]. Der tief verwurzelte und allgegenwärtige Synkretismus im Land wird auf mehr als eine bestechende Weise musikalisch umgesetzt, z.B. bei "Santo Antonio" [51, "Padroeiro Do Brasil' [6] (unter Mitwirkung der multiregionalen Gruppe Tira Poeira, die wirklich schöne Instrumentaleinlagen beisteuert) oder dem spektakulär kontrapunktischen "Sao Joao Xangô Menino" [7], einer Komposition von Caetano Veloso und Gilberto Gil aus den 70em.
Die Liste der Anspielempfehlungen ließe sich beliebig fortführen, denn der eindrucksvolle Bogen spannt sich ohne Einbruch, bis zu einem einnehmenden Abschluss vermittels eines Gedichts von Obervater Vinicius de Moraes und Villa-Lobo's „Melodia Sentimental".
Wer vor "Brasileirinho" noch kein Freund und Bewunderer des reichhaltigen kulturellen Erbes Brasiliens war, ist es nach dem Genuss dieser außergewöhnlichen und vielschichtigen Produktion mit Sicherheit. Dafür weiß Maria Bethânia auf eine Weise zu sorgen, die wohl nur jemandem gelingt, der selbst seit langem ein lebendiger Teil dieses Vermächtnisses ist. Beeindruckend.
Tracks:
1.Salve As Folhas,
2.YáYá Massemba,
3.Capitao Do Mato,
4.Cabocla Jurema,
5.Santo Antonio,
6.Padroeiro Do Brasil,
7.Sao Joao Xango Menino,
8.Cigarro De Palha,
9.Sussuarana,
10.Senhor Da Floresta,
11.Purificar O Subaé / Cantiga Para Janaina,
12.Melodia Sentimental
HIER BESTELLEN

